Tagebuch 2021

Seit dem Jahr 2006 führen wir ein umfangreiches Tagebuch mit Texten und Fotos über alle Aktionen für 'Kleine Herzen Hannover'

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Hannover/Sehnde, 4.1.2021

Klinik-Mitarbeiter bauen Stress ab

Achtsamkeit und Kommunikation sollen für Entspannung sorgen

 

„Wir können anderen nur helfen, wenn wir uns selbst helfen und achtsam mit uns umgehen.“ Davon ist Dr. Michael Sasse überzeugt. Er ist der leitende Oberarzt der Päd. Intensivstation an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Sasse hatte im letzten Jahr dafür gesorgt, dass seine Ärzte und Pflegekräfte an einem Achtsamkeitskurs teilnehmen und sich damit stärken konnten für den derzeit überaus stressigen Alltag im Krankenhaus. Etwa 100 Mitarbeiter sind auf der Kinderintensivstation der MHH beschäftigt. Finanziert wurden die Kurse vom Verein „Kleine Herzen Hannover“. „Dieses Angebot ergänzt hervorragend unser Programm für Krisenbegleiter“, sagte Vereinsvorsitzende Ira Thorsting. „Kleine Herzen Hannover“ ist ein gemeinnütziger Verein, der seit 2006 einmalige und bereits mehrfach bundesweit ausgezeichnete Projekte in der Kinderherzklinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) umsetzt. 

 

Zusammen mit der Trainerin Tina Boll aus Hannover haben die medizinischen Mitarbeiter daran gearbeitet, für einen persönlichen mentalen Ausgleich zum aufreibenden Dienst mit den schwer erkrankten Kindern zu sorgen. Und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. „Tina hatte tolle, schnell umsetzbare und praktische Tipps für unseren Alltag auf Station aber auch für unseren Alltag zu Hause," sagte Teilnehmerin Hannah nach dem Kursus. Einmal pro Woche konnten sich die Mitarbeiter einfach mal für 60 Minuten fallen lassen. Hannah: „Auch wenn ich einen stressigen Frühdienst hatte, konnte ich beim Achtsamkeitstraining innerhalb von Sekunden die Arbeit einfach Arbeit sein lassen und mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren."

 

Acht Wochen lang dauerte das Achtsamkeitstraining. Jeden Mittwoch - immer für jeweils eine Stunde. Und die Ärzte und Pflegekräfte hatten es auch nötig – gerade jetzt während der großen zusätzlichen Belastung durch die Corona-Pandemie. Sie alle haben auf der Kinderintensivstation eine große persönliche Verantwortung, eine hohe Identifikation mit den kleinen Patienten. Die Kommunikation zwischen Eltern, Ärzten und Pflegepersonal ist für sie immer wieder eine große Herausforderung. Trainerin Tina Boll schulte die Teilnehmer ganz gezielt – mit Achtsamkeit könne eine erhöhte Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick trainiert werden. Tina Boll: „So kann der Ausstieg aus dem alltäglichen Hamsterrad gelingen und gleichzeitig mehr Selbstfürsorge entwickelt werden.“

 

Das Training unterstützte die Teilnehmer dabei, beispielsweise mit Meditationen aus dem Gedankenkarussell auszusteigen. Außerdem wurde das Klinikpersonal darauf vorbereitet, in Stresssituationen bewusst zu agieren, statt automatisch zu reagieren. In Kurzvorträgen und Gesprächen ging es auch allgemein um die Bedeutung von Stress und den Umgang mit belastenden Gedanken und Gefühlen sowie körperlichen Schmerzen. Es gab Übungen zur achtsamen Körperwahrnehmung (Body Scan) und eine Anleitung für sanftes Achtsamkeits-Yoga. Zum Schluss wurden die Teilnehmer darin geschult, die neu erlernte Achtsamkeitspraxis in ihren Klinikalltag zu integrieren. Dr. Michael Sasse betonte noch mal die dringende Notwendigkeit dieses Angebots: „Ohne Selbstfürsorge und Achtsamkeit in Bezug auf sich selbst ist dieser so stark fordernde Beruf nicht durchzuhalten. Durch das Training gehe ich jetzt viel aufmerksamer und ruhiger durchs Leben, es verändert die Sicht auf die Dinge und vermindert meinen Stress.“

 

Ein großes Lob gab es zum Schluss auf von den Teilnehmern. „Die Dozentin hat es geschafft, eine offene, lösungsorientierte Atmosphäre zu schaffen und versucht, sich in die unterschiedlichen Positionen und Meinungen einzufühlen“, sagte Heike. Und Kollegin Laura meinte: „Dank des Kurses erlebe ich meinen Alltag noch bewusster und die erlernten Übungen entschleunigen den oft stressigen Stationsalltag.“

 

Aber es gab im letzten Jahr noch ein zweites Angebot für die Ärzte und Pflegekräfte der Kinderintensivstation. In diesem Seminar ging es um die Kommunikation. Auch dieses Angebot wurde vom Verein „Kleine Herzen“ finanziert. Das Konzept für diese Schulung entwickelte „DIE Akademie im Gesundheitswesen“ aus Bad Honnef. Ihr Auftrag: Dafür sorgen, die mangelhafte Kommunikation sowohl innerhalb des Teams als auch zu anderen Bereichen zu reflektieren und geeignete Maßnahmen zur Verbesserung zu ergreifen. Dazu hospitierte die Kommunikationstrainerin Jana Höhn einen Tag lang vor Ort auf der Station, um die Abläufe und die betreffenden Personen kennen zu lernen. Dr. Sasse machte auch hier die Notwendigkeit des Angebots deutlich: „Die Kommunikation ist für die weitaus meisten Probleme im Team verantwortlich. Wollen wir besser werden, ist das der zentrale Angriffspunkt.“

 

Im Kurs ging es dann vor allem darum, die Erwartungen der Patienten, die besondere Situation der Kinder und deren Eltern zu reflektieren und sich darauf einzustellen. Dazu sei die interne Kommunikation von Ärzten und Pflegekräften enorm wichtig, sagte die Dozentin. „Es kommt darauf an, im richtigen Moment das Richtige zu sagen“, meinte Jana Höhn. Auch das Verhalten in besonders schwierigen und eskalierenden Situationen wurde beleuchtet und anhand von konkreten Beispielen besprochen. „Besonders die Perspektivwechsel im Team haben viel Verständnis für das gegenseitige Handeln geschaffen“, sagte Dr. Sasse nach dem Kurs. Das Training sei sehr praktisch auf die eigene Situation ausgelegt. „Das hat uns ganz effektiv vorangebracht.“ Es sei klar geworden, dass die Kommunikation einem beständigen Verbesserungsprozess unterliege. Dr. Sasse: „Wir können nie nachlassen, uns in diesem Bereich zu verbessern.“

 

Auch die Teilnehmer des Seminares fanden die Herangehensweise vorteilhaft für ihre tägliche Arbeit. „Im konkreten Seminar hat mir die Mischung aus Pflege und ärztlichem Personal gefallen, wahrscheinlich wäre es schön gewesen, wenn noch ein bis zwei Ärzte mehr teilgenommen hätten, weil es sich in den Diskussionen häufig um Kommunikationsprobleme mit „den Ärzten“ gedreht hat“, meinte Heike. Und Julia fand es besonders gut, dass die Kommunikationstrainerin am Vortag selbst Gelegenheit hatte, einen kurzen Einblick in den Stationstag mit Situationen zu bekommen - wie beispielsweise bei der morgendlichen Übergabe. „Dadurch konnte sie sich meines Erachtens besser hineindenken und das Seminar entsprechend individuell und praxisnah gestalten.“ Alle Teilnehmer fänden es sehr sinnvoll, wenn dieses Training auch in diesem Jahr fortgesetzt werden könne.

 

Der Verein „Kleine Herzen Hannover“ hat bereits zugesagt, dass es auch in 2021 ähnliche Angebote für das klinische Fachpersonal der Kinderintensivstation geben wird. Vorsitzende Ira Thorsting bekräftigte noch mal die Notwendigkeit dieser Angebote – gerade jetzt in der überaus schwierigen Corona-Krise.


Fotos: Kleine Herzen